Von Spargel und Sprintern

Ich bin jetzt seit Anfang Mai wieder in Arbeit. Mein Arbeitgeber ist ein lokaler Obstbauer, der Spargel, Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Kirschen, Kartoffeln, Tomaten und Blaubeeren anbaut bzw. Letztere beiden kauft (aus der Umgebung) und das Obst und Gemüse an den eigenen Ständen verkauft. Wir haben viele zufriedene Gastronomiekunden und auch auf dem Hamburger Markt werden unsere Produkte verkauft. Insgesamt ist mein Chef ziemlich erfolgreich mit seinen Ständen, über 40 sind es allein in der Bremer Region.

Ich bin als Fahrerin tätig. Wir haben jeden Tag viel zu tun, denn die Käufer wissen, dass unsere Produkte in keinem Vergleich zu den jeweiligen Angeboten aus dem Supermarkt stehen. Wo man im Supermarkt vielleicht 1,50€ für 500g Erdbeeren zahlt, die aus Spanien oder Italien importiert wurden und nicht nur hunderte Kilometer, sondern auch schon ein paar Tage mehr vom Feld weg auf dem Buckel haben, wird bei uns jeden Tag frisch geerntet und kostet entsprechend auch mehr, derzeit liegt die 500g-Schale Erdbeeren bei 3,20€. Die frisch geerntete Ware kommt innerhalb der nächsten zwölf bis 18 Stunden zum Kunden. Zumindest betrifft das die Früchte. Der Spargel braucht etwas länger, da der erst gewaschen, dann geeist wird (damit er nicht nachreift und aus einem weißen Spargel ein violetter Spargel wird) um dann grade geschnitten und sortiert zu werden. Spargel wird schräg gestochen und kommt in verschiedenen Dicken, Längen und Färbungen vom Feld. Die Erntehelfer sortieren den Spargel nach Klassen. Wir haben folgende Sortierungen:

 1. Wahl (der Spargel ist durchgehend weiß, grade gewachsen und etwa so dick wie ein Zeigefinger, der klassische Spargel)

1. Wahl extra (der Spargel ist weit dicker als der 1. Wahl, aber erfüllt trotzdem die Kriterien für 1. Wahl), 

2. Wahl (sehr viel dünner als 1. Wahl, eventuell auch mit leicht violettem Kopf), 

extra Dick (wie 1 extra, nur eben noch dicker), 

Violett (der Spargel hat am Kopf schon Sonne gehabt und ist etwas intensiver im Geschmack mit seinem violetten Kopf), 

lange Spitzen und dünne Spitzen, 

Haushalt (Bruchspargel, gekrümmter Spargel, Alles, was nicht der Norm entspricht und bestens für Suppe geeignet ist) 

und natürlich Grünspargel. 

Ich fahre also die Ware zu den Verkaufsständen. Das bedeutet, ich sitze auf meinem Sprinter und bekomme meine Tour per Mail, ebenso die Liste, was der anzufahrende Stand an Ware braucht. Das erste Problem ist dann schon mal die Parkplatzfrage. Ich habe ein langes Fahrzeug und kann nicht in einer Lücke für einen Smart for two stehen, in zweiter Reihe geht selten, weil die Stände oft in beengten Straßen mit hohem Fußgängeranteil stehen. Die Polizei ist leider mit uns Lieferanten sehr viel strenger als mit normalen PKW, weil wir ein breiteres und längeres Auto haben. Wir sind Verkehrshindernisse. Was mich zu Problem zwei bringt: jeder Autofahrer schaltet scheinbar von normal zu hochgradig aggressiv, wenn er mich bzw meine Kollegen im Sprinter vor sich hat. Es wird das selbe Verhalten auch gegenüber Lkw an den Tag gelegt, aber warum? Ich fahre doch aber auch einen PKW. Warum werden wir geschnitten, nicht selten rechts überholt, angehupt und ständig beleidigt, wenn man wendet oder abbiegen und das langsam macht, weil man nicht viel sieht? Warum werden ich mit Hupe überholt, wenn ich schon 100km/h auf der Uhr habe und es außerhalb geschlossener Ortschaft ist? Warum lässt man mich nicht passieren, wenn ich schon halb durch die verengte Zone durch bin, sondern fährt mir provokant entgegen, obwohl ich dann schon Vorfart habe? Was bringt es, einen Sprinter, der nicht überholen kann, lautstark auf die Geschwindigkeit aufmerksam zu machen? Ich habe manchmal wegen beidseitig parkender Autos je links und rechts nur 10 bis 20cm Platz, um mein Auto da durch zu manövrieren. Muss man dann drängeln? 

Wenn ihr mich von der Straße haben wollt, ebenso die LKW, die unter den selben Problemen leiden, dann überlegt mal, wo ihr eure Lebensmittel, Kleidung etc her bekommt. Wir Fahrer tun nur unsere Arbeit. Der eine besser als der andere vielleicht, aber ohne uns Fahrer kriegt ihr eben nicht mal eben hiesigen Spargel oder Erdbeeren. Und die Milch fürs Kind, die Pampers, die Schuhe an euren Füßen, die Kleider auf dem Körper und den Sprit für euer Fahrzeug. Das wird per LKW oder Lieferwagen gebracht. 

Ich liebe meine Arbeit trotzdem, meine Kollegen sind nett, meine Chefs ebenso. Die Bezahlung stimmt und ich gehe gerne arbeiten. Ich bin jetzt schon traurig, dass die Saison bald wieder vorbei ist und ich erst nächstes Jahr wieder zurück kann.