Vom Gewinnen und Verlieren…

… oder warum ich den Sinn von Wettbewerben bis heute nicht verstanden habe!

Mein Sohn spielt Fußball, bzw. er versucht es. So mit knappen 5 Jahren beherrscht er die Regeln mal grade rudimentär: den Ball nicht in die Hände nehmen, aufs Tor schießen, um einen Punkt zu erlangen, den Ball nicht ausserhalb der weißen Linie weiter spielen (es sei denn, der Trainer sagt was Anderes) und der wichtigste Punkt (zumindest in seinen Augen und in denen der anderen Kinder) wir müssen gewinnen.

Aber warum muss man gewinnen? Was bringt es, zu gewinnen? Ausser, dass in Söhnchens Fall die andere Mannschaft ausgelacht wird, man sich gegenseitig ein „Ätsch man, Bätsch man!“ entgegen wirft und freudestrahlend zu den Eltern rennt und was von 21 zu 184 faselt. Punktezählen muss auch noch gelernt werden.

Wenn Sohnemanns Mannschaft verloren hat, ist er natürlich tief traurig, enttäuscht und er schimpft auf die Anderen, die ja eh total blöde sind. Bis ich ihn frage, warum er, der ja vor dem Tor stand, denn die Anderen nicht gehindert hat, den Ball ins Tor zu lassen. Oder warum er an der Linie stand und dem Kohlweißling hinterher geschaut hat, anstatt den Ball ins gegnerische Tor zu Kicken. Das ist gemein von mir, ihm die Schuld zuzuschieben – aber dann widerrum frage ich ihn, ob er denn Spaß hatte. Oftmals strahlt er mich dann an, sagt, er möchte die nächste Woche wieder hin und dann ist das Thema mit Verlieren und Gewinnen auch schon durch. Er weiß inzwischen, dass Gewinnen und Verlieren nicht wichtig ist, dass alleine der Spaß am Spiel zählt. Denn meiner Meinung nach ist Gewinnen nichts, was erstrebenswert ist. Denn wenn man gewinnt, verlieren die Anderen und dann sind die traurig. Auf Kinderebene ist das logisch. Erster sein ist für die, die danach kommen, voll blöde. Weil der zweite Sieger der erste Verlierer ist.

Verlieren ist ein Tritt in die Psyche und damit ungesund. Und weil man nicht immer gewinnen kann, bekommt unsere Psyche öfters mal einen Tritt. Das fängt im Kindergarten an (wer ist der Erste/ die Erste im Gruppenraum), zieht sich in der Freizeit weiter (Fußball und Schwimmen „Wer hat als Erste/r sein Abzeichen“), in die Grundschule (wer kann als Erste/r lesen/schreiben/rechnen und bekommt eine goldene Urkunde bei den Bundesjugendspielen) zur Mittelschule (Vorlese- und Rechenwettbewerbe, Zensuren mit Sternchen) bis hin zum Abschluss (Summa cum laude oder doch nur Sek.I oder Sek.II)

Nehmen wir doch mal als Beispiel die Bundesjugendspiele, bzw. wie ich sie erfahren habe:

in meiner Grundschulzeit (Anfang der 90er) war die Teilnahme an den BJS Pflicht. Wer krank war, bekam einen Eintrag im Klassenbuch, ne schlechtere Sportbewertung, einen sog. Blauen Brief und natürlich auch den Eintrag im Zeugnis. Weil das Alles keine guten Aussichten waren, schleppte ich mich hin, trotz gehöriger Antipathie gegenüber sportlicher Veranstaltungen im Allgemeinen und den BJS im Besonderen.

Klein-Krähe gab sich alle Mühe, hoch und weit zu Springen, noch weiter zu Werfen, die gewünschten Seilsprünge in der vorgegebenen Zeit mit bestmöglichem Ergebnis zu absolvieren und natürlich auch schlussendlich möglichst schnell zu Laufen. Mit meinen Ergebnissen war ich persönlich immer zufrieden, denn ich hatte keine Lust auf diesen verf***ten Wettbewerb, zu Sport schonmal gar nicht und irgendwie hab ich mit trotzdem Mühe gegeben, gut abzuschneiden. Als Belohnung winkte ja schließlich ne hübsche Urkunde, eventuell ein kleiner Pokal, aber zumindest ne Medaille.

Das Ende des Wettbewerbs nahte, die Kinder versammelten sich zur Urkundenvergabe und hofften Jeder für sich mit glänzenden Augen und noch völlig verschwitzt auf Medaille oder Pokal. Klein-Krähe mittendrin, mit dem Gedanken erfüllt, heute wars richtig gut, du warst schnell (andere waren trotzdem schneller) du bist weit gesprungen (andere habens noch weiter geschafft) und du hast dich beim Staffellauf nicht auf die Schnauze gepackt, heute kriegst du eine von diesen tollen, glänzenden Medaillen und deine Klassenkameraden werden dich loben.

Der Rektor sprach in sein Mikro, verteilte unter Jubel und Applaus die Pokale nebst Urkunden, die Gewinner durften sich ihre Sachen abholen und sich umziehen gehen. Der Platz leerte sich etwas.

Es wurde nur Wenig ruhiger, denn jetzt kamen die Goldmedaillen. Krähe macht sich darauf keine Hoffnungen, die bekommen immer nur die Jungs. Tatsache, nur Jungs, Medaille um den Hals, Urkunde, Pfötchen schütteln, Abgang.

Ah, die Silbermedaillen, sehen auch viel schöner aus (ich liebe Silber), Krähe möchte SO EINE haben. Ein Name nach dem Nächsten, einmal einer, der meinem ähnelt, ich will aufstehen, aber der Nachname war ein Anderer. Das war die letzte. Krähe ist traurig, aber da wartet noch Bronze. Der Platz ist inzwischen bis auf 30 Kinder leer, 10 warten auf die letzten Medaillen. Ein Name nach dem Nächsten zieht an mir vorbei, Meiner ist nicht dabei. Krähe ist nicht nur traurig, sondern auch enttäuscht. Denn jetzt kommt das, was der Lehrer als Trostpreis sieht, der Schüler, der eh schon unter Hänseleien leiden darf, aber als offizielle Erlaubnis zum Getreten werden: die Teilnehmerurkunde!

Klein-Krähe heult und die Klassenlehrerin will einfach nicht verstehen, warum: dass diese Urkunde einen Dreck wert ist, weil man selbst am Besten weiß, ob man da war oder nicht! Weil man sich wirklich große Mühe gegeben hat, das aber anscheinend unter der Masse an Teilnehmenrn keinen Bestand hat. Es wird nach Schema gerechnet, unter 2 Minuten um die Runde 10 Punkte, unter 5 Minuten 3 Punkte, 7 Minuten, joa, der war da. Es wird nicht mitbewertet, dass betreffender Schüler Asthma hat und daher etwas langsamer machen muss. Es wird nicht mit einbezogen, dass der Schüler sonst sportlich eine Niete ist und da keinen Spaß dran hat. Die einzelnen, persönlichen Leistungen werden nicht gewertet, sondern nur die, die in der Liste stehen. Als Individuum bist du verloren und darfst dir von den Anderen, den Besseren auch noch anhören, dass du nichts kannst. Als ob du das nicht selber wüsstest! Und wenn man dann in der Klasse saß und nachgehakt wurde, wie gut man nun wäre, wurde Klein-Krähe ausgelacht. Weil sie doch nur ne blöde Teilnehmerurkunde bekommen hat. Und weil sie da schon nicht verstehen konnte, warum man sich im Wettbewerb messen muss, wenn die Gewinner die Tollen sind und quasi mit Erlaubnis die Nicht-Gewinner treten durften.

Es gab aber auch Wettbewerbe, dich gewonnen habe, so ist es nicht. Der Plattdeutsch-Vorlese-Wettbewerb, da hatte ich den ersten Platz. Und musste zusehen, wie eine Schulkameradin von ihrer Mutter, die Töchterchen scheinbar gedrillt hat ohne Ende, völlig fertig gemacht wurde. Weil sie Zweite war. Mir tat das Mädchen unendlich leid. Ich sah ihre Tränen und konnte mich nicht mehr freuen. Ich wollte ihr den Vortritt lassen, aber das durfte ich nicht. Ich habe mich geweigert, Erste zu sein, nur damit das Mädchen gewinnen durfte. Nein, ich musste gewinnen. Obwohl ich nicht (mehr) wollte.

Ich wurde im Vorlese-Wettbewerb Jugendbuch Zweite. Erste wurde meine damals beste Freundin. Die hatte es sowas von verdient. Und ich freute mich so sehr für sie… ich war keine Verliererin mit Tränen in den Augen. Dafür wurde ich von der Jury gelobt. Warum ich denn nicht enttäuscht wäre, wurde ich gefragt: ganz einfach, weil ich Fehler gemacht habe, meine Freundin aber nicht. Weil sie besser war und weil wir Freundinnen wären, die Alles teilen. Sie wollte nicht gewinnen, aber freute sich dennoch drüber. Sie wurde später Landkreis-Beste, ich war so stolz. Weil sie, die Beste, ausgerechnet MEINE Freundin war!

Heute frage ich mich immer noch: warum muss man Kinder in den Wettbewerb bringen? Was hat man von dem System Gewinnen/Verlieren?

Warum müssen Kinder gedrillt werden, dass sie gewinnen? Und wozu muss es Pokale, Medaillen und Urkunden geben? Die Erwartungshaltung der Eltern und Lehrer an die Kinder ist ein enormer, psychischer Druck. Einige Kinder können damit um, gewinnen und bekommen Lob, Aufmerksamkeit und Jubel. Die Anderen bekommen Ärger, enttäuschte Gesichter und weiteren Druck, der nicht erfüllt werden kann. Warum muss man denn überhaupt unterteilen in Gewinner und Verlierer? Ist es nicht sinnvoller, alle als Teilnehmer zu werten, ohne Punkte, ohne Gold/Silber/Bronze?

Manche werden jetzt mit dem Argument „Arbeitsmarktsituation“ um sich schlagen. Ja, auch da zählt der Erste/Schnellste/Beste. Doch würde man von kindauf lediglich den Wert, dabei gewesen zu sein, schätzen lernen, würde es die hochgeschraubten Ansprüche im Erwachsenendasein noch geben? Ich denke nicht!

Belohnt doch dafür, dass man Spaß hatte. Mit etwas, wovon Alle und nicht nur die Einzelnen was haben. Denn ich mag Wettbewerbe heute noch nicht, egal, ob ich sie gewonnen habe oder nicht. Denn es gibt nur Verlierer!!!

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